Coast to Coast Walk
England
Inhaltsverzeichnis
ToggleMein Coast to Coast Way 2026 – Zurück auf einem alten Weg
Zehn Jahre sind vergangen, seit ich zum ersten Mal mit meinem Rucksack am Strand von St Bees stand. Damals wusste ich noch nicht, wie sehr mich dieser Weg begleiten würde.
2026 kehre ich zurück auf den Coast to Coast Walk – nicht einfach, um dieselbe Strecke noch einmal zu laufen, sondern um zu sehen, was geblieben ist und was sich verändert hat.
Würde sich der Weg nach zehn Jahren anders anfühlen? Würde ich die Landschaft mit anderen Augen sehen? Und welche Erinnerungen würden wieder auftauchen?
Eine Wanderung zurück an einen Ort, der mir schon einmal so viel bedeutet hat.
Dieser Film ist bewusst anders aufgebaut als ein klassischer Wanderguide. Er soll nicht jede Information erklären, sondern die Atmosphäre dieser einzigartigen Weitwanderung einfangen – vom ersten Schritt an der Irischen See bis zum letzten Kieselstein in der Nordsee.
Route & Daten
Zeit
Niedrigster Punkt
runter
Distanz
Höchster Punkt
rauf
“Something happens to you in the silent places…”
Alfred Wainwright
Tag 1 – Vom Meer in die Einsamkeit des Lake District
Gestartet bin ich bereits am Vortag nach St Bees, wo ich mein Zelt auf dem Seacote Park Campingplatz aufschlug. So konnte ich am nächsten Morgen entspannt in meine Jubiläumswanderung starten.
Gleichzeitig war es die erste Nacht mit meinem neuen Zelt – und der erste Praxistest hätte kaum spannender ausfallen können.
Ausgerechnet in England gab es einen Wassereinbruch.
Was genau passiert ist und welche Lehren ich daraus gezogen habe, erzähle ich in einem separaten Beitrag. Nur so viel: Auch nach vielen Jahren Wandern gibt es immer wieder Dinge, die einen überraschen. 😉
Bevor es aber endgültig losgeht, gibt es eine schöne Tradition auf dem Coast to Coast Walk.
Am Strand von St Bees taucht man seine Wanderschuhe in die Irische See und sucht sich einen kleinen Kieselstein. Diesen Stein trägt man die gesamte Wanderung über mit sich. Erst am Ziel, in Robin Hood’s Bay, wirft man ihn in die Nordsee – ein kleines Ritual und ein symbolischer Abschluss der Reise.
Doch schon die ersten Kilometer zeigen: Eine Wanderung läuft selten exakt nach Plan.
Durch starke Regenfälle war ein Teil des Küstenweges abgerutscht und der ursprüngliche Abschnitt gesperrt. Also beginnt meine Tour direkt mit einer Umleitung.
Natürlich schade, denn gerade der Start am Meer gehört für viele Wanderer zu den besonderen Momenten des Coast to Coast. Andererseits spare ich dadurch sogar ein paar Kilometer und nehme es einfach als Teil des Abenteuers.
Zunächst führt der Weg durch sanftes Farmland, bevor mit dem Dent der erste größere Anstieg wartet. Oben angekommen gönne ich mir eine Pause. Vor mir öffnet sich bereits der Blick Richtung Lake District, während hinter mir die Irische See langsam in der Ferne verschwindet.
Ein erster Moment, in dem man spürt: Jetzt beginnt die eigentliche Wanderung. Anschließend steigt der Weg hinab in das kleine, fast märchenhafte Nannycatch Valley. Ein plätschernder Bach, sattes Grün und diese typische englische Ruhe begleiten mich durch dieses wunderschöne Tal. Ein perfekter Einstieg in die kommenden Tage.
Nach und nach nähere ich mich Ennerdale Bridge.
Für viele Wanderer endet hier bereits die erste Etappe nach rund 23 Kilometern. Direkt im Fox and Hounds Inn kann man einkehren und sogar im Biergarten übernachten. Genau das hatte ich vor zehn Jahren gemacht.
Diesmal ist es anders. Ich gönne mir lediglich ein Pint, setze mich noch einen Moment in den Biergarten und lasse die Stimmung auf mich wirken. Doch dann treffe ich eine Entscheidung. Ich gehe weiter. Denn ich weiß noch genau, was hinter Ennerdale Bridge wartet. Nur wenige Kilometer später erreiche ich Ennerdale Water – und für mich beginnt hier einer der schönsten Abschnitte des gesamten Coast to Coast Walks.
Der Weg schlängelt sich direkt am See entlang, eingerahmt von den Bergen des Lake District. Besonders an den markanten Felsen bei Robin Hood’s Chair eröffnen sich beeindruckende Ausblicke über den See und tief hinein ins Tal. Je weiter ich dem Ufer folge, desto einsamer wird die Landschaft. Am Ende des Sees verwandelt sich der breite Weg langsam in einen traumhaften Trail, der immer tiefer ins Tal hineinführt. Als ich schließlich das Ende des Sees erreiche, ist für mich schnell klar:
Bei diesem perfekten Wetter gibt es keinen besseren Platz für die erste Nacht.
Gesagt, getan. Ich schlage mein Zelt auf – mit Blick über den See. Während langsam die Sonne untergeht und die Berge in warmes Licht taucht, endet mein erster Tag auf dem Coast to Coast Walk 2026.
Ein besserer Auftakt hätte kaum möglich sein können.
Tag 2 – Von stillen Seen, einsamen Hütten und dem Weg nach Borrowdale
Die Nacht am Ennerdale Water war wunderschön.
Das leise Plätschern des Wassers begleitete mich in den Schlaf und sorgte dafür, dass ich vollkommen ruhig in den neuen Wandertag starten konnte.
Heute führt mich der Coast to Coast weiter nach Borrowdale. Über Nacht hatte es etwas geregnet und die Wolken hingen tief zwischen den Bergen des Lake District. Eigentlich hatte ich geplant, die anspruchsvollere Variante über den Red Pike und die High Stile zu gehen. Diese Route bietet normalerweise spektakuläre Aussichten – doch bei dieser Wetterlage hätte ich vermutlich den größten Teil des Tages nur in den Wolken gestanden.
Also entscheide ich mich anders. Manchmal gehört es auch zum Wandern dazu, eine Route nicht nach Plan, sondern nach den Bedingungen zu wählen.
Ich folge weiter dem Tal von Ennerdale und nehme die Variante über den Pass Richtung Borrowdale.
Von meiner ersten Wanderung vor zehn Jahren weiß ich noch genau, was mich erwartet: eine lange Forststraße, die sich kilometerweit durch den Wald zieht. Eine ruhige Strecke, auf der man immer wieder dem River Liza begegnet, der sich durch das Tal schlängelt.
Es ist kein spektakulärer Abschnitt im klassischen Sinn – und gerade deshalb hat er seinen eigenen Reiz. Man läuft, kommt langsam in seinen Rhythmus und taucht immer tiefer in die Einsamkeit des Lake District ein. Nach einigen Kilometern öffnet sich der Wald langsam und vor mir erscheint die Black Sail Youth Hostel. Eigentlich ist die Black Sail Hut weniger eine klassische Jugendherberge, sondern vielmehr eine einfache Berghütte mitten in den Bergen. Ihre Lage ist außergewöhnlich.
Keine Straße führt hierher, keine Autos sind zu hören. Nur Berge, Natur und diese besondere Ruhe, die man nur an solchen Orten findet. Ein echter Rückzugsort. Hier mache ich eine längere Pause, bevor der nächste Abschnitt wartet. Der Weg führt noch einmal ein Stück das Tal hinauf, bevor der Anstieg über Loft Beck zum Pass Richtung Honister beginnt.
Ich erinnere mich noch gut an diesen Anstieg. Er ist anstrengend, aber gleichzeitig einer der schönsten Abschnitte der gesamten Strecke. Mit jedem Höhenmeter verändert sich der Blick zurück und immer wieder öffnen sich neue Perspektiven auf die Berge des Lake District. Als ich langsam die Passhöhe erreiche, passiert einer dieser Momente, für die man wandert.
Vor mir öffnet sich das Buttermere Valley. Die Berge, das Tal und die Seen liegen vor mir wie eine Landschaft aus einem Gemälde. Ich bleibe stehen und lasse diesen Augenblick einfach auf mich wirken.
Am Greynotts vorbei geht es weiter. Ich suche mir einen sonnigen Platz für eine Pause und genieße die Aussicht. Immer wieder ziehen kleine Nebelfetzen durch die Berge und verändern die Stimmung innerhalb weniger Minuten. Genau diese wechselhaften Momente machen den Lake District so besonders.
Mit ein paar Schafen als Gesellschaft geht es anschließend weiter über Drum House und langsam hinunter Richtung Honister. Die Gegend rund um Honister erzählt eine andere Geschichte dieser Landschaft.
Überall sieht man die Spuren des Schieferabbaus: alte Abbauflächen, große Steinbrüche und die Zeichen einer vergangenen Industriegeschichte. Noch heute wird hier der berühmte Honister Slate verarbeitet. Nach einer kleinen Pause am Kiosk mit einem Kaffee geht es weiter Richtung Borrowdale. Zunächst führt der Weg noch ein Stück an der Straße entlang, bevor sich die Landschaft erneut verändert. Über Seatoller tauche ich wieder in eine ganz andere Welt ein. Grüne Wälder, kleine Wege und schließlich der River Derwent begleiten mich durch dieses wunderschöne Tal.
Immer am Wasser entlang wandere ich weiter bis zur Jugendherberge von Borrowdale. Dort gönne ich mir endlich ein Bier in der Sonne. Nach einem doch erstaunlich frischen Wandertag in den Bergen ist das genau der richtige Moment, um kurz anzukommen.
Anschließend geht es weiter zu meinem heutigen Nachtlager: der Chapel House Farm. Hier habe ich bereits vor zehn Jahren übernachtet und die Farm in sehr guter Erinnerung behalten. Eine große Wiese mitten im Tal, auf der Wanderer ihre Zelte aufstellen können. Die Abläufe sind herrlich unkompliziert: Man sucht sich seinen Platz, irgendwann kommt der Farmer mit dem Quad vorbei, kassiert die Gebühr und hält noch einen kurzen Plausch.
Mehr braucht es manchmal nicht für einen perfekten Campingplatz. Umgeben von Bergen, Flüssen und dieser besonderen Ruhe endet mein zweiter Tag auf dem Coast to Coast.
Morgen geht es weiter Richtung Patterdale.
Tag 3 – Auf den Spuren von Wainwright durch die Berge
Bei wunderschönem Wetter starte ich in Borrowdale und kehre zurück auf den Coast to Coast Trail. Der Weg führt mich zunächst durch Rosthwaite und weiter über den Stonethwaite Beck. Entlang des Flusses zieht sich ein wunderschöner Pfad langsam das Tal hinauf. Eine ruhige Strecke, die mit jedem Schritt mehr von der beeindruckenden Landschaft des Lake District zeigt.
Auf diesem Abschnitt teilt sich der Coast to Coast den Weg mit dem Cumbria Way. Erst bei Langstrath trennen sich die Wege wieder und während der Cumbria Way in ein Seitental verschwindet, steigt der Coast to Coast weiter langsam bergauf. Immer wieder lohnt sich der Blick zurück.
Das Tal öffnet sich und mit jedem Höhenmeter wird die Aussicht beeindruckender. Dann wartet noch einmal ein steiler Anstieg. Der Weg führt hinauf in einen gewaltigen Bergkessel, bis schließlich der markante Lining Crag vor mir steht. Da ich meinen Alfred-Wainwright-Führer dabei habe, blättere ich natürlich hinein.
Wainwright hat viele Landschaften und Berge des Lake Districts gezeichnet und beschrieben. Als ich die Zeichnung des Lining Crag sehe, muss ich schmunzeln. Genau dieser Berg steht jetzt vor mir. Es ist einer dieser besonderen Momente, in denen Vergangenheit und Gegenwart auf dem Trail zusammenkommen. Ein Mensch hat vor Jahrzehnten dieselbe Landschaft betrachtet, sie festgehalten – und nun stehe ich selbst an diesem Ort.
Das Wetter bleibt wechselhaft.
Immer wieder fallen ein paar Regentropfen, aber der Regen hält sich in Grenzen. Hinter dem Lining Crag wird die Route wieder flacher und führt langsam hinunter Richtung Grasmere. Der Abstieg ist wunderschön. Durch ein grünes Tal wandere ich vorbei an den ersten Häusern, bis ich schließlich den lebendigen Ort erreiche. Grasmere ist für mich ein bisschen das Tegernsee des Lake District.
Wunderschön gelegen, aber natürlich auch sehr beliebt bei Besuchern. Hier treffen Wanderer, Urlauber und Einheimische aufeinander. Cafés, kleine Geschäfte und viel Leben – ein schöner Kontrast zu den einsamen Bergen der vergangenen Tage. Mein wichtigster Stopp ist allerdings der Co-op. Ich fülle meine Vorräte auf, mache eine längere Pause und sammle Kraft. Denn ich weiß noch genau, was jetzt kommt. Der nächste Anstieg wird fordernd.
Ausgeruht geht es weiter. Der Weg schraubt sich über die Great Tongue langsam nach oben Richtung Grisedale House. Und dann kommt dieser Moment. Plötzlich liegt vor mir der Grisedale Tarn. Ein wunderschöner Bergsee, eingebettet zwischen den Bergen. Fast wirkt er wie ein kleiner Vulkansee. Hier oben ist es allerdings deutlich frischer. Der Wind zieht über die Landschaft und macht eine längere Pause schwierig.
Also suche ich Schutz hinter einem großen Stein und genieße diesen besonderen Ort etwas windgeschützt. Ursprünglich hatte ich sogar überlegt, hier oben mein Zelt aufzuschlagen. Der Platz wäre traumhaft gewesen. Aber es ist noch früh am Tag, der Wind ist stark und die Temperaturen sind frisch. Also gehe ich weiter. Der Weg führt langsam hinunter Richtung Patterdale.
Ein lang gezogenes Tal begleitet mich abwärts, bevor ich kurz vor dem Ort noch einmal den Fluss quere. Bei der Side Farm finde ich meinen Platz für die Nacht. Zelt aufbauen, einchecken, kurz ankommen. Aber der Tag ist noch nicht vorbei. Am Abend gehe ich noch einmal zum White Lion Inn und gönne mir ein wohlverdientes Getränk. Ein perfekter Abschluss für einen weiteren Tag in den Bergen.
Morgen wartet eine der schönsten Etappen des Coast to Coast.
Tag 4 – Über den höchsten Punkt des Coast to Coast und Abschied vom Lake District
Die vierte Etappe auf dem Coast to Coast ist für mich eine ganz besondere.
Auf keinen anderen Abschnitt habe ich mich so gefreut. Der Grund dafür ist auch das Wetter. Bei meiner ersten Wanderung vor zehn Jahren hatte ich hier Regen, Wind und schlechte Sicht erlebt. Dieses Mal ist alles anders. Blauer Himmel, angenehme Temperaturen und perfekte Bedingungen.
Schon früh bin ich unterwegs. Ich möchte diese Landschaft möglichst ruhig erleben, bevor die meisten Wanderer auf dem Trail unterwegs sind. Der Coast to Coast steigt langsam Richtung Angle Tarn. Mit jedem Höhenmeter gibt der Lake District mehr von seiner Schönheit preis. Immer wieder bleibe ich stehen und schaue zurück. Die Aussicht wird mit jedem Schritt beeindruckender.
Nach etwa zweieinhalb Kilometern erreiche ich Angle Tarn. Dieser kleine Bergsee wirkt fast unwirklich. Kleine Inseln liegen im Wasser, Wasservögel ziehen ihre Bahnen und eine unglaubliche Ruhe liegt über diesem Ort. Ich hatte tatsächlich schon einmal darüber nachgedacht, hier mein Zelt aufzuschlagen. Ein perfekter Platz wäre es gewesen. Aber es passt nicht in meinen Tagesrhythmus. Also bleibe ich nur für eine längere Pause, setze mich ans Ufer und genieße diesen Moment.
Anschließend geht es weiter.
Vorbei am The Knott führt der Weg Richtung High Street. Und langsam nähert sich der Höhepunkt der gesamten Wanderung. Der höchste Punkt des Coast to Coast wartet. Mit 780 Metern ist der Kidsty Pike der höchste Berg dieser Route. Als ich oben stehe, liegt vor mir das beeindruckende Riggindale Valley. Dieser Blick ist einer dieser Momente, die man nicht vergisst.
Die Weite, die Berge und diese unglaubliche Ruhe.
Genau dafür geht man wandern. Nach einer ausgiebigen Pause beginnt der Abstieg Richtung Haweswater Reservoir. Von oben wirkt der See fast wie ein natürlicher Bergsee. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass es sich um einen Stausee handelt. Trotzdem fügt er sich beeindruckend in die Landschaft ein. Unten angekommen, gönne ich meinen Füßen eine Erfrischung im kalten Wasser eines kleinen Bergbachs.
Nach dem langen Abstieg tut das unglaublich gut. Weiter geht es am Haweswater Reservoir entlang bis zur Staumauer. Danach führt der Coast to Coast noch einmal durch ein wunderschönes Waldstück. Ein schmaler Pfad schlängelt sich am Fluss entlang und schließlich öffnet sich die Landschaft wieder. Über grüne Wiesen führt der Weg Richtung Shap.
Kurz vor dem Ort erreiche ich die Ruinen der Shap Abbey. Alte Mauern erzählen hier von einer längst vergangenen Zeit. Ich nehme mir einen Moment, gehe durch die Ruinen und lasse die Atmosphäre dieses besonderen Ortes auf mich wirken. Dann sind es nur noch wenige Kilometer bis Shap.
Heute wartet die New Ing Lodge auf mich. Ein gemütliches Bed & Breakfast mit einem schönen Garten, in dem auch Wanderer ihre Zelte aufstellen dürfen. Was für ein Tag. Mit den Eindrücken der Berge verabschiede ich mich langsam vom Lake District.Denn morgen verändert sich die Landschaft.
Die hohen Berge bleiben zurück – und ein neuer Abschnitt des Coast to Coast beginnt.
Tag 5 – Zwischen Kalklandschaft, Schafen und dem Weg nach Kirkby Stephen
Heute geht es von Shap nach Kirkby Stephen.
Als ich am frühen Morgen in Shap loslaufe, liegt das Dorf noch ganz ruhig da. Kaum jemand ist unterwegs und die Straßen sind noch menschenleer. Schon kurz darauf bin ich wieder zurück auf dem Coast to Coast Trail. Der Weg führt mich zunächst über eine große Fußgängerbrücke über die M6. Unter mir rauscht der Verkehr dieser riesigen Autobahn, während ich nur wenige Schritte später wieder in die Ruhe der Landschaft eintauche.
Ein interessanter Moment. Eben noch mitten in der Zivilisation – und kurz darauf wieder allein unterwegs. Ich lasse einen großen Steinbruch hinter mir und wandere weiter hinaus in eine völlig andere Landschaft. Die hohen Berge des Lake District liegen nun hinter mir. Vor mir öffnet sich eine weitläufigere, kargere Landschaft, geprägt von Kalkgestein. Immer wieder schauen helle Felsen aus dem Boden und verleihen der Umgebung einen ganz eigenen Charakter.
Diese Landschaft hat eine besondere Stimmung.
Die Weite, die Stille und der gleichmäßige Rhythmus des Wanderns wirken fast meditativ. In der Nähe von Orton erreiche ich die Sunbiggin Farm. Eigentlich sollte hier ein kleines Café auf Wanderer warten. Da ich aber relativ früh im Jahr unterwegs bin, befindet sich das kleine Caféhäuschen gerade im Umbau.
Trotzdem mache ich Pause.
An einem schönen Tisch mit Bank setze ich mich hin, trinke meinen Kaffee und beobachte die anderen Wanderer, die langsam auf dem Trail vorbeiziehen. Nach dieser kleinen Auszeit geht es weiter.
Hinter der Farm führt der Weg wieder über typisch englisches Farmland. Schafe begleiten mich, überall öffnen und schließen sich kleine Gatter und die Landschaft bekommt diesen ruhigen, ursprünglichen Charakter, den ich an England so liebe. Schließlich erreiche ich den Scandal Beck. Ein kleines, wunderschönes Tal, das man über eine malerische Steinbrücke überquert. Für einen Moment wirkt dieser Ort fast wie aus einer anderen Zeit.
Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zu meinem heutigen Ziel. Noch einmal steigt der Weg gemächlich an und langsam taucht in der Ferne Kirkby Stephen vor mir auf. Unter der Eisenbahnlinie hindurch wandere ich weiter zum Pennine View Park, meinem heutigen Nachtlager.
Hier stelle ich mein Zelt auf, mache mich frisch und lasse den Wandertag langsam ausklingen. Am Abend gehe ich noch einmal hinüber nach Kirkby Stephen. Nach mehreren Tagen in den Bergen ist es schön, einen Wandertag in einer kleinen gemütlichen Stadt ausklingen zu lassen. Ein paar Lichter, etwas Leben und die Vorfreude auf den nächsten Abschnitt des Coast to Coast.
Tag 6 – Moorlandschaft, alte Erinnerungen und ein Pint in Keld
Ein wunderschöner Morgen begrüßt mich auf dem Coast to Coast Way.
Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und nach den längeren Etappen der vergangenen Tage wartet heute eine etwas kürzere Strecke auf mich. Knapp 20 Kilometer stehen auf dem Plan. Mein Ziel ist Keld. Dort trifft der Coast to Coast auf den berühmten Pennine Way.
Aber bevor es soweit ist, wartet noch ein ganz besonderes Highlight auf mich. Die Nine Standards Rigg. Der Weg führt zunächst wieder vorbei an einem Steinbruch und zieht sich langsam den Berg hinauf. Oben auf dem Höhenzug stehen neun beeindruckende, aus Steinen errichtete Türme – die Nine Standards Rigg.
Schon von weitem sind diese markanten Bauwerke sichtbar und gehören zu den Wahrzeichen dieser Etappe. Während ich den Anstieg bewältige, fällt mir wieder auf, wie sehr sich der Weg in den vergangenen zehn Jahren verändert hat.
Bei meiner ersten Wanderung waren viele Abschnitte noch deutlich ursprünglicher. Vielleicht gab es hier und da einmal eine einzelne Steinplatte über einen besonders nassen Abschnitt – ansonsten lief man über natürliche Wege. Heute ist der letzte Abschnitt hinauf zu den Nine Standards Rigg fast wie ein befestigter Steinplattenweg ausgebaut. Ein richtiger Wanderweg, der deutlich mehr Menschen sicher über diesen Abschnitt führt.
Oben angekommen nehme ich mir Zeit. Ich genieße die Aussicht, mache Fotos und komme mit anderen Wanderern kurz ins Gespräch. Diese kleinen Begegnungen gehören für mich einfach zum Wandern dazu. Anschließend geht es weiter durch die offene Landschaft der Yorkshire Dales.
Ein besonderer Abschnitt wartet: die Querung des großen Moorgebietes. Es gibt verschiedene Varianten durch dieses Moor, aber die südlichere Route ist inzwischen die Hauptroute des Coast to Coast. Auch hier fällt mir der Unterschied zu meiner ersten Wanderung auf. Der Weg ist heute hervorragend ausgebaut und führt fast wie eine kleine Wanderautobahn durch diese beeindruckende Landschaft.
Trotzdem verliert das Moor nichts von seiner Schönheit. Die Weite, die Einsamkeit und diese besondere Stimmung bleiben. Nach einigen Kilometern geht es langsam bergab in ein kleines Tal. Der Weg folgt weiter der Landschaft, bis ich schließlich Raven Seat erreiche. Hier sollte früher einmal ein kleines Café sein, aber davon ist heute nichts mehr zu sehen.
Trotzdem machen viele Wanderer hier Pause. Es gibt Bänke – und genau hier genieße ich noch einmal dieses besondere Gefühl der Abgeschiedenheit. Von Raven Seat sind es noch etwa vier Kilometer bis Keld. Der Weg führt durch ein wunderschönes Tal und je näher ich dem Ort komme, desto beeindruckender wird die Landschaft entlang des River Swale.
Kurz vor Keld überquere ich noch einmal den Fluss und gehe weiter Richtung Keld Campsite. Im kleinen Shop frage ich nach einem Zeltplatz. Die Antwort ist typisch unkompliziert: Ich darf mein Zelt aufstellen, wo ich möchte.
Auf einer schönen Wiese mit Blick über die Landschaft baue ich mein Lager auf. Nach einer Dusche fühle ich mich wieder frisch und mache mich noch einmal ohne Rucksack auf den Weg. Diesmal erkunde ich die Umgebung von Keld mit leichtem Gepäck.
Ich wandere zu den Wasserfällen(East Gill Force und Kisdon Force) und zu dem Punkt, an dem der Coast to Coast auf den Pennine Way trifft. Dabei kommen Erinnerungen an meine frühere Wanderung zurück. Damals, als ich auf dem Pennine Way unterwegs war, herrschte eine richtige Hitzewelle mit über 30 Grad. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich im River Swale abgekühlt habe.
Nach einem heißen Wandertag war das eine unglaubliche Erfrischung. Mit diesen schönen Erinnerungen schlendere ich zurück zur Keld Lodge. Ich lasse mich an der Bar nieder, bestelle mir ein wohlverdientes Pint und lasse den Tag noch einmal Revue passieren. Langsam wächst aber auch die Vorfreude auf morgen.
Ich bin sogar ein wenig aufgeregt.
Denn morgen wartet eine für mich neue Route durch das Moor. Vorbei an alten Bleiminen möchte ich eine Landschaft entdecken, die ich bisher noch nicht kenne. Das Wetter soll allerdings nicht ganz so freundlich werden.
Mal sehen, was mich dort oben erwartet.
Tag 7 – Regen, Moor und die Spuren des Bleibergbaus
Heute wartet eine Etappe, auf die ich mich schon lange gefreut habe.
Von Keld geht es nach Reeth – über eine für mich neue Route durch das Moor und vorbei an den alten Bleiminen. Der Morgen beginnt ruhig. Doch über Swaledale liegt eine dichte graue Wolkendecke. Die Sonne vom Vortag ist verschwunden und schon beim Loslaufen spüre ich: Heute wird dieser Abschnitt eine ganz andere Stimmung haben.
Nach den ersten Kilometern erreiche ich Crackpot Hall. Die Ruine steht einsam in der Landschaft und wirkt, als würde sie seit Jahrhunderten über das Tal wachen. Kurz darauf führt mich der Weg hinunter ins Swinner Gill. Hier treffe ich auf die Überreste der ehemaligen Swinner Gill Lead Mine – stille Zeugen einer Zeit, in der in diesen Bergen Blei abgebaut wurde.
Von hier beginnt der Anstieg hinauf auf das Moor. Und kaum habe ich die offene Hochfläche erreicht, setzt der Regen ein. Aber es bleibt nicht bei ein paar Tropfen. Dazu kommt kräftiger Wind. Der Regen fällt längst nicht mehr von oben, sondern wird fast waagerecht über das Moor getrieben.
Ich stampfe Schritt für Schritt durch den Regen. Der Wind zerrt an meiner Kleidung und während ich hier oben unterwegs bin, werden die Gedanken lauter. Ich denke an die Menschen, die früher hier gearbeitet haben.
Menschen, die bei genau solchen Bedingungen Tag für Tag in diesen Bergen unterwegs waren, um Blei abzubauen. Ein harter Alltag, den man sich heute kaum vorstellen kann. Und gleichzeitig frage ich mich schmunzelnd: Warum laufe ich bei diesem Wetter eigentlich freiwillig hier oben herum?
Vor zehn Jahren habe ich mich für die Talvariante entschieden und bin gemütlich dem River Swale gefolgt. Diesmal wollte ich unbedingt die Moorroute erleben. Nun bekomme ich sie von ihrer rauesten Seite gezeigt. Kurz darauf erreiche ich die Ruinen der Blakethwaite Smelt Mill.
Die alten Gemäuer liegen verlassen in der Landschaft und erzählen noch heute von der Zeit des Bleibergbaus. Gerade bei diesem Wetter wirkt dieser Ort beinahe mystisch. Ich folge weiter dem Coast to Coast. Noch einmal geht es hinauf aufs Moor.
Regen und Wind begleiten mich weiter.
Und obwohl ich mich immer wieder frage, warum ich mir das freiwillig antue, weiß ich tief im Inneren längst die Antwort. Genau solche Tage gehören zu einer Weitwanderung dazu. Nicht jeder Abschnitt schenkt Sonnenschein und Fernblicke.
Manchmal sind es gerade die rauen Stunden, die sich am tiefsten ins Gedächtnis einprägen. Langsam beginnt der Weg Richtung Reeth abzufallen. Auch dieses Tal erzählt noch von der Bergbaugeschichte. Immer wieder passiere ich verlassene Gebäude und Mauerreste ehemaliger Minen. Einige Kilometer vor Reeth verändert sich die Landschaft erneut.
Der Weg führt wieder über Farmland, vorbei an Trockensteinmauern und unzähligen Schafen. Als ich schließlich Reeth erreiche, wartet direkt am Ortseingang eine kleine Bäckerei mit frisch gebrühtem Kaffee. Nach diesem feuchtkalten Wandertag fühlt sich dieser Kaffee fast wie ein Willkommensgruß an.
Nur wenige Meter weiter erreiche ich den Orchard Caravan Park. Ich darf mir meinen Platz aussuchen und freue mich über diesen kleinen gemütlichen Campingplatz. Mittlerweile erkenne ich sogar einige der anderen Wanderer wieder. Seit Tagen begegnen wir uns immer wieder auf dem Coast to Coast und langsam fühlt es sich an, als würde man gemeinsam unterwegs sein.
Am Abend spaziere ich noch einmal hinauf zum Black Bull Pub. Mit einem Pint in der Hand suche ich mir einen Platz direkt am offenen Kamin. So rau und ursprünglich die Pennines draußen sind, so wohltuend ist es, nach einem feuchtkalten Wandertag in einem gemütlichen Pub am warmen Feuer zu sitzen.
Ein perfekter Abschluss für einen kalten, nassen – und dennoch besonderen Wandertag. Morgen wartet mit Richmond die erste größere Stadt seit einigen Tagen auf mich. Nach so viel Moor, Regen und Einsamkeit freue ich mich auf ein wenig Stadtleben.
Auch wenn mich der Coast to Coast schon bald wieder hinaus in die Natur führen wird.
Tag 8 – Vom Moor zurück ins Stadtleben: Ankunft in Richmond
Nach dem grauen und nassen Tag gestern zeigt sich der Coast to Coast heute von einer ganz anderen Seite.
Blauer Himmel und nur wenige einzelne Wolken begleiten mich auf meinem Weg von Reeth nach Richmond. Was für ein Unterschied. Der Weg führt zunächst am River Swale entlang. Die raue Stimmung der vergangenen Tage ist verschwunden und die Landschaft wirkt wieder sanfter und lieblicher.
Die offenen Moorflächen liegen hinter mir. Stattdessen bestimmen grüne Weiden, kleine Dörfer und typisch englische Farmlandschaften das Bild. Immer wieder überquere ich Weideland, passiere zahlreiche Gatter und begegne natürlich den Bewohnern, die diese Landschaft prägen: Schafe.
Der Coast to Coast führt mich durch eine ruhige Kulturlandschaft. Alte Steinhäuser, schmale Wege und grüne Wiesen begleiten mich. Hinter Marske schlängelt sich der Weg schließlich an einem schönen Berghang entlang Richtung Richmond. Je näher ich der Stadt komme, desto mehr verändert sich die Umgebung.
Nach vielen Tagen voller Berge, Moor und Einsamkeit fühlt sich Richmond fast wie eine kleine Rückkehr in die Zivilisation an. Hier fülle ich meine Vorräte auf und schlendere ein wenig durch die Stadt. Richmond ist eine wunderschöne historische Stadt. Besonders beeindruckend finde ich Richmond Castle und den Trinity Church Square mit seinen alten Gebäuden und seiner besonderen Atmosphäre.
Auch das Richmond Theatre, eines der ältesten noch betriebenen Theater Englands, gehört zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Nach den vergangenen Tagen draußen in der Landschaft ist dieses kleine Stück Stadtleben eine willkommene Abwechslung.
Ein Einkauf, ein Spaziergang durch die Straßen und vielleicht noch ein Besuch im Pub gehören einfach zu so einer Wanderung dazu. Eigentlich wollte ich noch weiter bis nach Colburn wandern, denn dort sollte es ein schönes Pub geben, bei dem man sogar im Biergarten sein Zelt aufstellen kann.
Doch ein anderer Wanderer erzählt mir vom Brompton On Swale Camping and Caravan Park und so entscheide ich mich spontan um. Bevor ich Richmond verlasse, mache ich noch einen Abstecher zu den Richmond Falls direkt unterhalb des Castle.
Ein schöner Ort, um noch einmal kurz innezuhalten. Anschließend mache ich mich auf den Weg zum Campingplatz. Eine große Wiese wartet auf mich und mein Bekannter vom Trail hat seinen Platz bereits aufgebaut. Es ist schön, bekannte Gesichter wiederzutreffen und zu merken, dass man auf einer Fernwanderung langsam eine kleine Gemeinschaft bildet.
Heute war eine kürzere Etappe. Aber genau das hat gutgetan. Nach vielen Tagen voller Berge, Regen und Einsamkeit durfte ich ein wenig Stadtleben genießen, bevor der Coast to Coast mich wieder hinaus in die Landschaft führt. Morgen wartet ein neuer Abschnitt. Nach Richmond verändert sich die Landschaft erneut. Die hohen Berge und das Moor liegen hinter mir.
Zunächst erwarten mich flachere Landschaften, längere gerade Wege und mehr Straßenabschnitte.
Doch vielleicht hält auch dieser Abschnitt wieder einige Überraschungen bereit.
Tag 9 – Durch die Ebene Richtung North York Moors
Nach einer sehr ruhigen Nacht auf dem Caravan Park starte ich in den nächsten Tag auf dem Coast to Coast.
Es ist schon verrückt: Englische Caravanparks sind einfach riesig – und gefühlt gibt es sie überall. Als Wanderer kommt man sich dort manchmal fast ein wenig verloren vor, wie eine kleine Ameise zwischen all den Wohnwagen und Wohnmobilen. Von meinem Campingplatz aus mache ich mich auf den Weg und muss zunächst durch Brompton-on-Swale, um wieder auf den Trail zu gelangen.
Während ich durch den Ort laufe, schauen mich die Schulkinder an, als käme ich geradewegs vom Mond. Mit meinem großen Rucksack falle ich hier doch ziemlich auf. In Brompton-on-Swale entdecke ich ein Post Office und denke mir: Warum nicht einmal ein paar Postkarten nach Deutschland schicken? Also gehe ich hinein und frage nach dem Porto.
Die Antwort überrascht mich dann doch. Rund fünf Euro soll das Porto pro Postkarte kosten. Ich bedanke mich freundlich, nehme die Karten wieder mit und denke mir: Die reisen einfach mit mir weiter.
Zu Hause in Deutschland habe ich sie dann ganz normal in den Briefkasten geworfen. Und sie sind tatsächlich alle angekommen. Wieder zurück am River Swale folge ich dem Fluss noch ein Stück, bevor ich kurz darauf wieder auf den Coast to Coast treffe.
Der Weg verabschiedet sich nun endgültig von der Zivilisation und führt mich wieder hinaus aufs Land. Doch dieser Abschnitt fühlt sich anders an als noch vor zehn Jahren. Die Wegführung hat sich verändert und viele Abschnitte verlaufen heute anders als damals.
Über Straßen, durch kleine Dörfer und entlang von Feldern geht es weiter bis nach Danby Wiske. Dort mache ich auf einer Bank am Dorfplatz eine gemütliche Pause und genieße die Ruhe. Heute stehen rund 27 Kilometer auf dem Programm. Der Weg führt mich weiter über Feldwege, durch Farmgelände und über Schafweiden. Immer wieder überquere ich kleine Straßen, passiere eine Eisenbahnlinie und wandere durch die typisch englische Landschaft.
Ein kleines Abenteuer wartet dann doch noch auf mich. Vor mir liegt eine Schnellstraße. Die offizielle Umleitung wäre viele Kilometer lang gewesen. Also entscheide ich mich für die altbewährte Wanderer-Methode: warten, bis kein Auto kommt, tief durchatmen und zügig hinüber.
Gerade mit einem schweren Rucksack fühlt sich selbst so eine Straßenquerung plötzlich wie ein kleines Abenteuer an. Nur etwa einen Kilometer später erreiche ich schließlich Ingleby Cross. Dort wartet das Blue Bell Inn auf mich. Hinter dem Pub gibt es eine große Wiese, auf der Wanderer ihr Zelt aufstellen dürfen.
Nachdem mein Zelt steht, gönne ich mir ein wohlverdientes Bier. Gemeinsam mit meinen amerikanischen und kanadischen Wanderbekanntschaften tausche ich noch ein paar Geschichten aus und lasse den Abend gemütlich ausklingen.
Morgen beginnt der letzte große Abschnitt meiner Wanderung. Die North York Moors warten auf mich – eine Landschaft mit weiten Heideflächen und ganz eigenem Charakter. Spielt das Wetter mit, erwarten mich grandiose Ausblicke über die Landschaft. Ich freue mich darauf, wieder in diese besondere Weite einzutauchen.
Tag 10 – Weite Moore und eine Oase im Nirgendwo
Heute führt mich der Coast to Coast von Ingleby Cross bis zum Lion Inn auf der Blakey Ridge.
Allein das Ziel macht diese Etappe zu etwas Besonderem. Das Lion Inn liegt völlig einsam mitten in den North York Moors – ein uraltes Pub mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Das Wetter meint es zunächst gut mit mir. Über mir spannt sich ein blauer Himmel, nur ein kühler Wind begleitet mich auf den ersten Kilometern.
Manchmal ist es gar nicht so schlecht, eine Route schon einmal gelaufen zu sein. Man weiß ungefähr, was einen erwartet – und kann sich auf bestimmte Highlights schon unterwegs freuen.
Von Ingleby Cross steigt der Coast to Coast langsam hinauf auf die North York Moors. Meter für Meter gewinnt der Weg an Höhe, bis ich schließlich den Beacon Hill erreiche. Von hier eröffnen sich die ersten weiten Ausblicke über die Landschaft.
Die Hochfläche bildet nach Norden hin eine markante Kante, der der Weg über viele Kilometer folgt. Immer wieder bleibe ich stehen, um die Aussicht zu genießen.
Mein nächstes Ziel ist die Carlton Bank. Auch von hier schweift der Blick weit über die Landschaft.
Kurz darauf führt der Weg wieder ein Stück bergab und ich erreiche das Lord Stones Café.
Hier kehren viele Wanderer ein. Auf meiner ersten Coast-to-Coast-Wanderung vor zehn Jahren habe ich sogar hier übernachtet. Diesmal ist meine Etappe anders geplant und so genieße ich lediglich einen Kaffee, bevor ich mich wieder auf den Weg mache. Je weiter ich über die North York Moors wandere, desto besser verstehe ich, warum dieser Abschnitt für viele zu den schönsten des gesamten Coast to Coast gehört.
Im Norden reichen die Blicke kilometerweit über die Landschaft, während mich im Süden die weiten Hochmoorflächen begleiten. Der Weg ist ein ständiges sanftes Auf und Ab. Viele Abschnitte sind mit Steinplatten befestigt und machen das Wandern angenehm – selbst wenn der Untergrund stellenweise sehr nass ist.
Meine nächste Pause hebe ich mir für die Wain Stones auf.
Kurz davor entdecke ich einen windgeschützten Felsen, an dem ich eine kleine Rast einlege. Wenig später erreiche ich die gewaltigen Felsblöcke der Wain Stones, die wie überdimensionale Findlinge mitten auf dem Bergrücken liegen. Doch kaum bin ich dort angekommen, zieht eine tiefschwarze Wolke auf. Nur wenige Minuten später stehe ich mitten in einem kräftigen Hagelschauer. Ich suche kurz Schutz, warte geduldig – und kaum zehn Minuten später scheint bereits wieder die Sonne.
Englisches Wetter, wie es im Buche steht.
Nachdem ich das Panorama an den Wain Stones noch eine Weile genossen habe, führt mich der Weg über Ravenscar hinunter zum Clay Bank Top. Hier verändert sich die Landschaft noch einmal. Ab Clay Bank Top folgt der Coast to Coast einer ehemaligen Bahntrasse, über die einst Material aus den Minen transportiert wurde. Eigentlich ist dieser Abschnitt angenehm zu laufen. Kaum Steigung, ein guter Weg.
Und trotzdem zieht er sich.
Ich laufe. Und laufe. Und laufe. Kilometer um Kilometer geht es fast schnurgerade durch das Moor. Die sanften Kurven ändern kaum etwas an dem Gefühl, einfach immer weiterzulaufen. Irgendwann freue ich mich über jede noch so kleine Wegbiegung, weil ich hoffe, dahinter endlich mein Tagesziel zu entdecken.
Zwischendurch überrascht mich noch einmal ein heftiger Hagelschauer. Genauso plötzlich, wie er gekommen ist, ist er aber auch wieder vorbei. Nur wenige Minuten später scheint erneut die Sonne. Als schließlich das Lion Inn auf der Blakey Ridge vor mir auftaucht, bin ich ehrlich erleichtert. Nach den endlosen Kilometern durch das Moor ist hier anzukommen fast wie eine Oase im Nirgendwo. Im Biergarten darf man für ein paar Pfund sein Zelt aufstellen. Nachdem mein Lager steht und ich eine warme Dusche genossen habe, zieht es mich direkt ins urige Pub. Im Kamin knistert bereits das Feuer und die gemütliche Atmosphäre lädt zum Verweilen ein.
Zu meiner Überraschung gibt es sogar ein veganes Pilz-Stroganoff auf der Speisekarte. Großartig! Genau das Richtige nach einem langen Wandertag durch die North York Moors. Mit einem Pint in der Hand lasse ich den Abend gemütlich am Kaminfeuer ausklingen und freue mich, diesen besonderen Ort noch einmal erleben zu dürfen.
Langsam rückt das Ende meiner Wanderung näher. Morgen begleiten mich die North York Moors noch ein letztes Mal, bevor sich der Coast to Coast Schritt für Schritt der Nordseeküste nähert.
Tag 11 – Abschied von den North York Moors
Der Morgen am Lion Inn beginnt genauso, wie der gestrige Tag geendet hat. Die Sonne scheint, wenige Minuten später zieht ein Hagelschauer über das Moor und kaum ist er vorbei, strahlt schon wieder der blaue Himmel.
Typisch englisches Wetter.
Noch einmal führt mich der Coast to Coast durch die weiten North York Moors. Langsam folge ich dem Bergrücken und genieße die letzten Ausblicke über diese besondere Landschaft. Schon bald beginnt der Abstieg Richtung Glaisdale. Mit jedem Kilometer verändert sich die Umgebung.
Die offenen Moorflächen verschwinden langsam und machen grünen Tälern und dichten Wäldern Platz. In Glaisdale lege ich im Arncliffe Arms eine gemütliche Pause ein und gönne mir ein Pint, bevor ich meine Wanderung fortsetze.
Von hier aus folge ich dem River Esk. Das Tal wirkt fast märchenhaft und bildet einen schönen Kontrast zu der weiten Moorlandschaft der vergangenen Tage. Über Egton Bridge erreiche ich schließlich Grosmont. Der kleine Ort ist vor allem für seine historische Dampfeisenbahn bekannt. Immer wieder verlassen dampfende Lokomotiven den Bahnhof und erinnern an längst vergangene Zeiten.
Im Co-op kaufe ich noch eine Cola und beobachte eine Weile das Treiben im Ort. Ich weiß genau, warum. Hinter Grosmont wartet noch einmal ein ordentlicher Anstieg auf mich. Zunächst folgt der Coast to Coast leider ein Stück der Straße, bevor der Weg wieder hinauf auf die Höhen führt.
Oben angekommen tauche ich noch einmal in die typische Moorlandschaft ein. Doch lange bleibt sie mir nicht erhalten. Schon bald führt der Trail wieder hinunter ins kleine Tal von Littlebeck.
Dieser Abschnitt gehört für mich zu den schönsten des Tages. Das kleine Dorf liegt eingebettet im satten Grün und entlang eines plätschernden Baches führt der Weg langsam bergauf bis zu den Falling Foss. Eigentlich hatte ich mich schon auf einen Kaffee im kleinen Café am Wasserfall gefreut. Doch leider hat es geschlossen.
Zum Glück habe ich auf meiner Recherche die Newton House Farm Campsite entdeckt – nur wenige Gehminuten entfernt. Dort beginnt allerdings erst einmal eine kleine Suche. Ich laufe etwas orientierungslos über das Farmgelände und frage mich schon, ob ich überhaupt richtig bin.
Plötzlich ruft mir eine Frau zu, ob sie mir helfen könne. Es ist tatsächlich die Besitzerin des Campingplatzes. Sie zeigt mir alles, schließt mir die Sanitäranlagen und die Küche auf und sagt, ich könne mein Zelt aufstellen, wo immer ich möchte. Am Ende habe ich den gesamten Campingplatz fast für mich allein.
Nach einer heißen Dusche sitze ich noch eine Weile vor meinem Zelt und genieße die Ruhe. In solchen Momenten wird mir wieder bewusst, wie wenig es manchmal braucht, um glücklich zu sein. Ein ruhiger Abend, ein schöner Zeltplatz und die Gewissheit, morgen die Nordsee zu erreichen.
Viel schöner kann eine Fernwanderung kaum enden.
Morgen wartet die letzte Etappe des Coast to Coast auf mich. Mit jedem Schritt rückt Robin Hood’s Bay näher – und damit das Ziel einer Wanderung, die mich einmal quer durch England geführt hat.
Tag 12 – Ankunft in Robin Hood's Bay
Heute wartet die letzte Etappe meiner Coast-to-Coast-Wanderung auf mich.
Von der Newton House Farm führt mich der Weg zunächst zurück auf den Trail und noch einmal direkt an den Falling Foss vorbei. Entlang des kleinen Baches wandere ich durch einen fast parkähnlichen Wald. Ein wunderschöner Einstieg in den letzten Wandertag. Nach etwa einem Kilometer verlasse ich das Tal und der Weg steigt noch einmal hinauf auf die North York Moors.
Oben angekommen verlaufe ich mich erst einmal. Zwischen Schafen, matschigen Pfaden und kleinen Wasserlöchern suche ich nach dem richtigen Weg. Zum Glück führen einige Holzstege über die tiefsten Stellen und wenig später erreiche ich wieder eine Straße, von der aus ich problemlos zurück auf den Coast to Coast finde.
Kurz darauf verändert sich die Landschaft erneut. Ein Moorbrand hat hier große Flächen der Heide verbrannt. Das sonst violette Moor wirkt plötzlich schwarz und karg. Da es zuvor geregnet hat und nun wieder die Sonne scheint, steigt überall Dampf aus dem Boden auf. Für einen Moment wirkt die Landschaft beinahe surreal.
Schon bald erreiche ich Hawsker, das letzte größere Dorf vor Robin Hood’s Bay. Ich erinnere mich noch gut an den kleinen Abstecher zum Hare & Hounds Pub. Mit einem Pint in der Hand setze ich mich noch einmal nach draußen.
Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer.
Von hier führt der Coast to Coast malerisch an den Klippen entlang. Die letzten Kilometer genieße ich ganz bewusst. Mit jedem Schritt rückt Robin Hood’s Bay näher.
Dann ist sie plötzlich da.
Die letzte Kurve gibt den Blick auf das kleine Küstendorf frei, das sich malerisch den Hang hinunter bis ans Meer schmiegt. Ich steige langsam durch die engen Gassen hinab. Robin Hood’s Bay mit seinen alten Häusern und seiner Schmugglergeschichte könnte für das Ende dieser Wanderung kaum ein schönerer Ort sein. Unten am Bay Hotel wartet schließlich die Nordsee auf mich. Heute ist Flut und das Wasser reicht fast bis an die Häuser.
Ich bleibe einen Moment stehen.
Zwölf Tage lang hat mich diese Wanderung einmal quer durch England geführt – von der Irischen See bis hier an die Nordsee. Langsam hole ich den kleinen Kieselstein aus meinem Rucksack. Am Strand von St Bees habe ich ihn aufgehoben und seitdem über 300 Kilometer mit mir getragen. Nun ist der richtige Moment gekommen. Ich werfe ihn hinaus in die Nordsee. Ein kleines Ritual. Und der Abschluss einer großartigen Wanderung quer durch England.
Anschließend gönne ich mir im Biergarten des Bay Hotels noch ein letztes Pint. Ich sitze dort, lasse die vergangenen zwölf Tage noch einmal Revue passieren und freue mich einfach darüber, dieses Ziel erreicht zu haben.
Der Coast to Coast endet hier.
Die Erinnerungen an diese Wanderung werden mich noch lange begleiten.
Fazit – Würde ich den Coast to Coast noch einmal wandern?
Vielleicht ist genau das das Besondere an einer Fernwanderung.
Man startet mit einem kleinen Kieselstein in der Tasche und glaubt, ihn bis ans Ziel zu tragen. In Wirklichkeit sind es die Erlebnisse unterwegs, die einen selbst ein Stück verändern.
Zwölf Tage später verschwindet der Stein in der Nordsee. Die Wanderung ist zu Ende – doch die Erinnerungen an stille Morgen, endlose Moore, gemütliche Pubs und die vielen kleinen Begegnungen bleiben.
Zehn Jahre nach meiner ersten Coast-to-Coast-Wanderung durfte ich diesen Weg noch einmal erleben. Und ich habe gemerkt, dass manche Orte nichts von ihrer Magie verlieren.
Vielleicht ist das das schönste Kompliment, das man einer Fernwanderung machen kann.
